Gastbeitrag Jagd und Recht

Nachsuche nur mit brauchbaren Jagdhunden

Lesezeit: 3 Minuten

Wer bei der Nachsuche Hunde ohne bestandene Brauchbarkeitspr├╝fung einsetzt, verst├Â├čt gegen die Pflicht zur fachgerechten Nachsuche und somit gegen die anerkannten Grunds├Ątze der Weidgerechtigkeit. Das kann zum Verlust des Jagdscheins sowie dem Widerruf der waffenrechtlichen Erlaubnis f├╝hren, wie der Beitrag von Rechtsanwalt Dr. Thomas Paul zeigt.

Ein bereits im Dezember vergangenen Jahres ergangener Beschluss des Schleswig-Holsteinischen Verwaltungsgerichts (Aktenzeichen 7 B 11/20 vom 22.12.2020) sorgte im Netz k├╝rzlich f├╝r gro├če Unruhe. Worum ging es in dieser Sache?

Ein Jagdleiter hatte in Schleswig-Holstein eine revier├╝bergreifende Ansitzdr├╝ckjagd organisiert. Nachdem ihm gegen 17h des Jagdtages mitgeteilt worden war, dass mindestens ein St├╝ck Schwarzwild krankgeschossen worden sei, nahm er wegen der hereinbrechenden Dunkelheit erst am Folgetag die Nachsuche mit seiner Kleinen M├╝nsterl├Ąnderh├╝ndin auf, die leider erfolglos blieb. Die H├╝ndin stammte zwar aus einer leistungsgepr├╝ften Zucht und der Jagdleiter konnte eine Zensurentafel f├╝r die Verbandsjugendpr├╝fung vorlegen, nicht aber einen Beleg f├╝r die gesetzlich geforderte Brauchbarkeitspr├╝fung oder eine vergleichbare Pr├╝fung. Der Jagdleiter hatte es auch vers├Ąumt, das ├ťberwechseln des krankgeschossenen Wilds den Jagdaus├╝bungsberechtigten des Nachbarreviers unverz├╝glich anzuzeigen.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergaben, dass tats├Ąchlich noch ein weiteres St├╝ck Schwarzwild laufkrank geschossen worden war, welches aufgrund der versp├Ątet eingeleiteten Nachsuche erst an einem der Folgetage von einem spezialisierten Nachsuchengespann gefunden und erl├Âst werden konnte. Das erstgenannte St├╝ck wurde nie gefunden.

Daraufhin wurden der Jagdschein des Jagdleiters f├╝r ung├╝ltig erkl├Ąrt und eingezogen und seine waffenrechtlichen Erlaubnisse widerrufen; gleichzeitig wurde der sofortige Vollzug angeordnet. Der Jagdleiter legte Widerspruch ein, der jedoch abgewiesen wurde. Mit seinem Antrag an das Verwaltungsgericht begehrte der Jagdleiter die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung seines Widerspruchs.

Das Gericht lehnte den Antrag ab, weil der Jagdleiter gegen die Pflicht zur fachgerechten Nachsuche versto├čen habe. Denn weder die eingesetzte Kleine M├╝nsterl├Ąnderh├╝ndin (ÔÇ×KLMÔÇť) noch sonstige verf├╝gbare Hunde h├Ątten eine Brauchbarkeits-pr├╝fung oder eine gleichgestellte Pr├╝fung bestanden. In diesem Zusammenhang stellte das Gericht auch in Frage, ob eine Verbandsst├Âberpr├╝fung als Brauchbarkeitsnachweis f├╝r einen geeigneten F├Ąhrtenhund im Rahmen der Nachsuche ausreichend sei. Die Einlassung des Jagdleiters, er habe seine H├╝ndin bereits in der Vergangenheit f├╝r schwierige Nachsuchen eingesetzt, ersetzte nach Auffassung des Gerichts nicht die erforderliche Brauchbarkeitspr├╝fung, sondern belege vielmehr, dass der Jagdleiter offenbar wiederholt gegen die Pflicht zur fachgerechten Nachsuche versto├čen habe. Schlie├člich verwarf das Gericht auch die Einlassung des Jagdleiters, ein anerkanntes Nachsuchengespann habe st├Ąndig auf Abruf bereitgestanden, da sich herausgestellt habe, dass dieses Nachsuchengespann von der Ansitzdr├╝ckjagd ├╝berhaupt nicht informiert gewesen sei. Insgesamt bewertete das Gericht das Verhalten des Jagdleiters als wiederholte und grobe Verst├Â├če gegen die allgemein anerkannten Grunds├Ątze deutscher Weidgerechtigkeit, welche die Einziehung des Jagdscheins und den Widerruf der waffenrechtlichen Erlaubnisse rechtfertigten.

Der Beschluss erging in einem sogenannten summarischen Verfahren, in welchem vor dem Hauptsacheverfahren gepr├╝ft wird, ob der angefochtene Bescheid der Beh├Ârde offensichtlich rechtswidrig oder rechtm├Ą├čig ist. In einem Hauptsacheverfahren w├╝rde eine vertiefte Pr├╝fung erfolgen. Angesichts der klaren Positionierung des Gerichts bereits im summarischen Verfahren erscheint es hier jedoch unwahrscheinlich, dass ein Urteil sich von dem vorliegenden Beschluss wesentlich unterscheiden w├╝rde.

Die Verpflichtung zur Nachsuche von krankgeschossenem Wild beruht auf einem der wichtigsten Grunds├Ątze der Weidgerechtigkeit, n├Ąmlich der Vermeidung unn├Âtiger Tierqualen (┬ž 22a Bundesjagdgesetz).  Die Jagdgesetze der Bundesl├Ąnder sehen vor, dass bei der Jagd und insbesondere auch bei der Nachsuche brauchbare Jagdhunde einzusetzen sind. Verst├Â├če gelten grunds├Ątzlich als Ordnungswidrigkeit und k├Ânnen sogar eine Straftat nach dem Tierschutzgesetz (┬ž 17 Nr. 2b) darstellen. Die Voraussetzungen f├╝r die Brauchbarkeit werden in den Bundesl├Ąndern allerdings unterschiedlich geregelt. In Schleswig-Holstein, dem Tatort der hier besprochenen Entscheidung, gilt ein Jagdhund als brauchbar, wenn er eine Brauchbarkeitspr├╝fung oder eine gleichgestellte Pr├╝fung bestanden hat. Die Inhalte der Pr├╝fung bestimmt die Ordnung zur Durchf├╝hrung von Brauchbarkeitspr├╝fungen f├╝r Jagdhunde des Landesjagdverbandes Schleswig-Holstein, die in einer Anlage auch die gleichgestellten Pr├╝fungen f├╝r die verschiedenen Einsatzbedingungen auff├╝hrt.

Es ist also wie so oft erforderlich, die konkreten Vorschriften des jeweiligen Bundeslandes zu pr├╝fen. Zwar wird man davon ausgehen k├Ânnen, dass eine bestandene Pr├╝fung f├╝r den vorgesehenen Einsatzbereich als Nachweis f├╝r die Brauchbarkeit ausreicht, es sei denn, der Hund ist z.B. bereits gebrechlich. In Nordrhein-Westfalen etwa soll jedoch der Nachweis der Brauchbarkeit auch auf andere Weise zul├Ąssig sein (M├╝ller-Schallenberg, Jagdrecht, 10. Aufl. 2019, Rn. 396).

Alle Jagdleiter sind demnach gut beraten, wenn sie vor jeder Bewegungsjagd sicherstellen, dass brauchbare Jagdhunde f├╝r Nach- und Kontrollsuchen zur Verf├╝gung stehen. Hierzu muss ein anerkanntes Nachsuchengespann, dessen Verf├╝gbarkeit zuvor abgekl├Ąrt wurde, zeitnah bereitstehen. Sollen alternativ andere Jagdhunde eingesetzt werden, sollten diese nicht nur zeitgerecht tats├Ąchlich verf├╝gbar, sondern auch nachweislich brauchbar sein. Auch wo nicht zwingend vorgeschrieben, ist das Bestehen einer anerkannten Brauchbarkeitspr├╝fung f├╝r den konkreten Einsatzbereich, d.h. etwa bei Dr├╝ckjagden auf Schwarzwild eine Brauchbarkeitspr├╝fung f├╝r die Nachsuche auf Schalenwild, der sicherste Nachweis f├╝r die Brauchbarkeit. 

Die vom Jagdleiter im vorliegenden Fall vorgelegten schriftlichen Nachweise der Verf├╝gbarkeit nicht-gepr├╝fter Jagdhunde (die erst nach der Dr├╝ckjagd eingeholt wurden) reichten dem Gericht nicht aus, zumal sie offenbar nicht die konkrete Einsatzbereitschaft belegten. Letzteres galt auch f├╝r das anerkannte Nachsuchengespann, welches offenbar nur grunds├Ątzlich zur Verf├╝gung stand, von der konkreten Dr├╝ckjagd jedoch nicht informiert worden war. 

In der Entscheidung geht es um eine Ansitz-Dr├╝ckjagd, bei der es also offenbar einen gewissen zeitlichen Vorlauf gab, in dem man die tats├Ąchliche zeitnahe Verf├╝gbarkeit brauchbarer Jagdhunde, etwa eines anerkannten Nachsuchegespanns, h├Ątte planen k├Ânnen, zumal man bei solchen Gesellschaftsjagden davon ausgehen kann, dass regelm├Ą├čig Nach- oder zumindest zu Kontrollsuchen erforderlich werden. Die Pflicht zur Nachsuche (oder Kontrollsuche) besteht aber freilich ebenfalls bei der Einzeljagd. Da man auch hier nicht sicher ausschlie├čen kann, dass keine Nach- oder Kontrollsuche erforderlich wird, sollte regelm├Ą├čig Vorsorge getroffen werden, dass nachweislich brauchbare F├Ąhrtenhunde f├╝r den Fall eines Falles zur Verf├╝gung stehen.

Die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Schleswig-Holstein ist im Volltext hier abrufbar. Sie ist aus verschiedenen Gr├╝nden lesenswert. Obwohl der Beschluss am 22. Dezember 2020 erging, war die Kammer offenbar nicht in vorweihnachtlicher Stimmung. Das lag vermutlich auch am Verhalten des Jagdleiters, eines zur Tatzeit 74-j├Ąhrigen Pension├Ąrs und vormaligen Vizepr├Ąsidenten des Landesjagdverbandes. Als solcher h├Ątte er nach Ansicht des Gerichts mit den einschl├Ągigen Vorschriften eigentlich vertraut sein m├╝ssen und h├Ątte nicht ernsthaft davon ausgehen k├Ânnen, dass die Vorlage einer Stammtafel und einer Zensurentafel f├╝r die Verbandsjugendpr├╝fung einen ausreichenden Nachweis f├╝r die Brauchbarkeit zur Nachsuche darstellen. Ferner hatte er nicht nur vers├Ąumt, die Verf├╝gbarkeit brauchbarer Jagdhunde f├╝r die Nachsuche sicherzustellen, sondern es auch dem Gastgeber der Gesellschaftsjagd ├╝berlassen, am Folgetag ein Nachsuchengespann zu organisieren. Die dar├╝ber hinaus unterlassene unverz├╝gliche Anzeige an den Reviernachbarn stellt auch bereits f├╝r sich eine Ordnungswidrigkeit dar. Da der Jagdleiter in dem Verfahren sogar bestritt, dass auf der Dr├╝ckjagd ├╝berhaupt ein Tier angeschossen worden war, stellte das Gericht die fehlende Einsicht in sein Fehlverhalten fest. Schlie├člich wurde auch die Einlassung, er habe bereits mehrfach mit seiner KLM schwierige Nachsuchen durchgef├╝hrt, zu einem Boomerang. Denn das Gericht schloss daraus, dass er wiederholt gegen die Pflicht zur fachgerechten Nachsuche versto├čen habe. ÔÇ×Das haben wir schon immer so gemachtÔÇť ist also ein Argument, auf das man vor Gericht tunlichst verzichten sollte. 

Umfrage zum Thema Weidgerechtigkeit – 5 Einkaufsgutscheine f├╝r Jagdartikel im Wert von je ÔéČ100.– zu gewinnen!

Der vorgenannte Beschluss sowie weitere Entscheidungen deutscher Gerichte zu den allgemein anerkannten Grunds├Ątzen deutscher Weidgerechtigkeit sind Gegenstand einer aktuellen Studie am Institut f├╝r Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Universit├Ąt f├╝r Bodenkultur (BOKU) in Wien. Teil dieser Studie ist auch eine Umfrage unter der J├Ągerschaft zum Thema Weidgerechtigkeit, die von Dr. Thomas Paul durchgef├╝hrt wird. Unter den Teilnehmern an der Befragung werden 5 Einkaufsgutscheine f├╝r Jagdartikel im Wert von je ÔéČ 100 ausgelost. Die gesch├Ątzte Zeit f├╝r die Beantwortung der Fragen betr├Ągt 12 ÔÇô 15 Minuten. Umfrageschluss ist der 30. Juni 2021. Nach Abschluss der Studie, voraussichtlich im 4. Quartal 2022, kann diese von der homepage des o.g. Instituts www.jagdwirt.at aus dem Bereich Abschlussarbeiten heruntergeladen werden. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse wird jedoch HIRSCH&CO ver├Âffentlicht werden.

Hier geht es zur Umfrage 

Beitragsfoto: Tingey Injury Law Firm on Unsplash

1 Kommentar zu “Nachsuche nur mit brauchbaren Jagdhunden

  1. Die Entscheidung des VG erscheint nachvollziehbar, setzt mit der Verantwortung der Jagleitungen und Hundef├╝hrer sehr fr├╝h an. Unbestritten ist es eindeutige Rechtslage, dass f├╝r die verschiedenen Bereiche der Jagd ÔÇ×brauchbare im RechtssinneÔÇť Hunde einzusetzen sind. Damit war schon die Aufnahme der Nachsuche mit einem ÔÇ×lediglichÔÇť im Rahmen einer Verbandsjugendpr├╝fung erfolgreichen gepr├╝ften Vorstehhund in S.-H. nicht lege artis. Als ÔÇ×gleichwertige Pr├╝fungÔÇť ist im Anhang zu der ÔÇ×Ordnung zur Durchf├╝hrung von Brauchbarkeitspr├╝fungen f├╝r JadhundeÔÇť die VJP nicht explizit erw├Ąhnt.
    In anderen Bundesl├Ąndern sind die ma├čgeblichen Vorschriften anders ausformuliert. Immer aber gilt im Ergebnis, ein Hund ist dann brauchbar im Rechtsinne, wenn er f├╝r das konkrete Einsatzgebiet seine Brauchbarkeitspr├╝fung erfolgreich bestanden hat. und den Anforderungen an die konkrete Nachsuche im Einzelfall gen├╝gen kann.
    So bestimmt die Brauchbarkeitsrichtlinie NRW:
    ÔÇ×Die Brauchbarkeit f├╝r die Nachsuche auf Schalenwild betrifft vorwiegend den Aufgabenbereich, ein beschossenes St├╝ck Schalenwild zu finden, das in der N├Ąhe des Anschusses verendet ist (Totsuche). F├╝r schwierigere Nachsuchen sollen grunds├Ątzlich geeignete und besonders ausgebildete und gepr├╝fte Jagdgebrauchshunde eingesetzt werden.ÔÇť

    Daraus folgt, dass vor Beginn einer Nachsuche immer festzustellen ist, wird das eine Totsuche oder muss mit einem im Wundbett verharrenden und fluchtf├Ąhigen St├╝ck Wild gerechnet werden? Dann reicht Die Brauchbarkeit als solche f├╝r die Einsatzentscheidung nicht mehr aus. Vielmehr muss nun ein Hund eingesetzt werden, der die spezifischen Anforderungen – hetzen, stellen, gegebenenfalls niederziehen – erf├╝llen kann.
    Um diese Auswahlentscheidung treffen zu k├Ânnen, ist es immer erforderlich, den Ausschu├č (nicht gleich Anschu├č) zu suchen, um anhand der nur dort auffindbaren Pirschzeichen den wahrscheinlichen Treffersitz und daraus ableitend die Art der Verwundung des St├╝cks und dessen voraussichtliche Reaktion beim Zusammentreffen mit dem Hund einsch├Ątzen zu k├Ânnen.
    Und bitte beachten, der Hund muss nicht nur brauchbar sein sondern im Einsatzfach auch jagdlich gef├╝hrt werden, also Erfahrungen haben.
    Frank L├Âwe
    Rechtsanwalt / Hundef├╝hrer

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