Jagd und Gesellschaft

Soll die Freizeitjagd abgeschafft werden?

Lesezeit: 2 Minuten

Gastkommentar für das BIORAMA-Magazin/69.

Den ganzen Artikel inkl. der PRO Position von Martin Balluch sowie der CONTRA Argumentation von mir findet ihr hier.

Nein. Denn es steht ein funktionierendes System aus privaten JägerInnen hinter dem derzeitigen Wildtiermanagement.

Eines vorweg: Ohne Jagd geht es nicht. Die Annahme, dass durch ein Verbot der Freizeitjagd weniger Tiere geschossen würden, ist illusorisch. Der Unterschied ist, dass die staatliche Wildhut – auf Kosten des Steuerzahlers – dafür zuständig wäre und nicht mehr die privaten Jägerinnen und Jäger. Im Kern geht es also um eine radikale Umkehr in der Wildtierbewirtschaftung. 

In meiner Heimat der Schweiz haben wir die öffentliche Debatte und den politischen Diskurs zu diesem Thema bereits hinter uns. Im Stadtkanton Genf ist die Jagd seit über 40 Jahren verboten. Im Kanton Zürich ist die Initiative „Wildhüter statt Jäger“ 2018 hingegen krachend gescheitert. Kantonsweit betrug der Nein-Stimmen Anteil 84%. Kein einziger Kantonsrat hat für die Initiative votiert: 165 zu 0 betrug das Abstimmungsresultat im Züricher Rathaus. Noch nicht einmal die Grünen konnten sich für die Idee begeistern.

Die Mär vom selbstregulierenden Wald

Und das aus gutem Grund: Die Botschaft, der Wildbestand würde sich von selbst regulieren ist naiv und irreführend. Sie impliziert eine Streichelzoo-Romantik, die mit der Realität nichts zu tun hat. Die Befürchtungen um den Zustand unserer Wälder und Schäden am Kulturland sind real. Auch zusätzliche Einzäunungen, die nötig wären, sind nicht wünschenswert und würden nicht zuletzt unseren Wildtieren schaden. Im „jagdfreien“ Kanton Genf wird das Wild heute von staatlichen Jägern mit modernsten, auch militärischen Hilfsmitteln, vor allem nachts erlegt.

Keine Profis, aber auch keine Amatere

Die Darstellung der privaten Jäger als unverantwortliche Amateure entspricht nicht den Tatsachen. Es wird Zeit, den immensen gesellschaftlichen Beitrag, den sie im Kontext komplexer, großer Zusammenhänge ehrenamtlich leisten, anzuerkennen. In Deutschland bringt es die Jägerschaft jährlich auf 3,2 Millionen unentgeltliche Arbeitsstunden im Zeichen des Natur- und Artenschutzes mit einem Leistungswert von 2,7 Milliarden Euro.  Auch das Beispiel Genf hat bewiesen, dass der fehlende Einsatz der privaten Jägerinnen und Jäger nicht folgenlos bleibt. Das Wildkaninchen ist mittlerweile ausgestorben und der Rebhuhnbestand trotz zusätzlicher Auswilderung auf einen kleinen Restbestand gesunken. Von den Kosten für den Steuerzahler ganz zu schweigen. 30 Millionen Franken jährlich schlagen im Kanton Genf alleine für die Anstellung professioneller Wildhüter zu Buche. 

Teure Romantik

Verwerflich ist es nicht, zur Jagd zu gehen und Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Verwerflich ist es viel mehr, der Bevölkerung eine Welt voller Naturromantik vorzugaukeln, die es in unserer vom Mensch geprägten Kulturlandschaft längst nicht mehr gibt. Es ist bigott, sein Schnitzel aus dem Supermarkt zu essen und gleichzeitig die Jagd grausam zu finden. Ich wünsche mir die Rückkehr zu einem sachlichen Dialog und eine klare Differenzierung zwischen Fakten und Ideologien. Wir sollten alle ein persönliches Interesse daran haben, dass in einer freiheitlich liberalen Gesellschaft nicht jedes Feld vom Staat bestellt wird, schon gar nicht dann, wenn ein funktionierendes System aus passionierten und fähigen Menschen dahintersteht.

Quelle: Biorama.69 – Magazin für nachhaltigen Lebensstil

Beitragsfoto: Pascal Treichler auf pixabay

2 Kommentare zu “Soll die Freizeitjagd abgeschafft werden?

  1. Manfred Bauer

    Eines vorweg, ich bin kein Jäger, und möchte auch keiner sein! Ich habe nichts für die Jagd übrig! Dass ich Vegetarier bin lässt sich hieraus vielleicht auch schon ableiten.
    Ich hätte gerne ihre Meinung, Frau Fischer zu den „Fakten“ welche Herr Balluch in seinem Contra Beitrag gehört. Stimmt es, dass wie er am Anfang behauptet, zumindest in Österreich tausende von Tieren importiert und gezüchtet werden damit sie dann „spaßeshalber“ abgeknallt werden können. Darunter auch Tiere die auf der Roten Liste stehen wie Auer- und Birkhühner und wenn ich das richtig weiß auch durch die FFH Richtlinien geschützt sind. Ich glaube eigentlich nicht, dass es sich hierbei um Fake News handelt! Wenn dies also der Wahrheit entspricht finde ich das mehr als nur widerwärtig und kann mich daher seiner Forderung nur anschließen und für ein Ende der gegenwärtigen Jagd plädieren.. Auch seine weiteren Argumente erscheinen mir stringenter als die ihrigen, erscheinen mir diese doch stark durch die rosarote Brille einer Verbandsvertreterin gefärbt, mögen sie auch mit einigen Schlussfolgerungen richtig liegen. „Es ist bigott sein Schnitzel aus…… grausam zu finden“ da stimme ich ihnen voll zu. Aber Herr Balluch vertritt in seinem Statement keine Ideologie, die vertreten doch wohl eher die Jäger selbst (Hege und Pflege; „passionierte und fähige Menschen in einem funktionierenden System >warum gibt es denn, auch bei uns in Deutschland so ein Riesenproblem mit dem Verbiss? Ich habe erst vor kurzem eine entsprechende und gut fundierte Doku im TV gesehen), sondern er argumentiert mit Fakten. Zumal ich bei ihm, ganz im Gegensatz zu ihnen kein rein persönliches Interesse erkennen kann.
    Freue mich auf ihre Antwort
    Manfred Bauer, Pforzheim

    • Christine Fischer

      Sehr geehrter Herr Bauer, herzlichen Dank für Ihre Wortmeldung. Mein Blog versteht sich auch als Plattform für einen Austausch zwischen Jägern und Nichtjägern und deshalb schätze ich Ihren Beitrag besonders. Zuallererst eine Richtigstellung: ich bin keine Verbandsvertreterin, sondern eine unabhängige, eigenständig denkende Jägerin, der unserer Wildtiere am Herzen liegen. Es ist wohl auch in dieser Sache so wie fast immer: keine Seite kann die absolute Wahrheit für sich beanspruchen. Tierschützer und Jäger haben in ihren Anliegen eine große Schnittmenge. Ich kenne selber zahlreiche Menschen, die als ehemalige Vegetarier zur Jagd gekommen sind, weil ihnen eine gesunde und transparente Ernährung sowie ein respektvoller und tierschutzgerechter Umgang mit unseren Wildtieren wichtig ist und sie das ausbeuterische und qualvolle Nutztier-System ablehnen. Vielleicht haben Sie in meinem Profil gesehen, dass auch ich diese Motivation hinter der Jagd als zentral erachte. Wenn es nach mir ginge, so müssten sich die Jägerschaft und gemäßigte Vertreter des Tierschutzes grundsätzlich stärker und nachhaltiger verbünden. Sie haben viele ähnliche Zielsetzungen. Der viel größere Konflikt besteht zwischen der Jagd und dem Forst. Sie fragen, warum es ein derart großes Problem mit Wildschäden in unseren Wäldern gibt? Diese Situation hat viele Gründe:
      – immer kleiner werdende Lebensräume für unsere Wildtiere
      – Störungen durch menschliche Nutzung rund um die Uhr bedeuten Stress; es fehlen meistens die sehr wichtigen Ruhezonen für das Wild!
      – Stress wiederum bedeutet, dass das Wild nicht mehr seinen natürlichen Verhaltensweisen folgen kann. So verzichtet es beispielsweise aus Angst lieber darauf, auf Wiesen auszutreten, um dort Gas zu fressen und zieht es vor, in der Dickung zu bleiben. Aber auch dort muss Nahrung aufgenommen werden und es kommt zu verstärktem Verbiss.
      – Forstwirtschaftliche Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte werden heute leider den Wildtieren angelastet (Fichte als Brotbaum der Forstwirtschaft, Monokulturen etc.)
      – Falsche Jagdstrategien, die Sozial- und Alterstrukturen zerstören und/oder für viel Unruhe sorgen
      Die Höhe der Wildbestände muss Übrigens immer lokal betrachtet werden. Wir können nie pauschal von zu hohen Wilddichten sprechen. Es gibt tragfähigere Lebensräume, die strukturiert sind und eine gute Nahrungsgrundlage bieten und weniger tragfähige Lebensräume, die dann auch weniger Wild vertragen. Wir Jägerinnen und Jäger möchten verhindern, dass das Existenzrecht des Wildes in Frage gestellt wird. Ich plädiere dafür, dass die Jagd sich noch viel stärker an wildbiologischen Erkenntnissen ausrichtet. Ein erfolgreicher Waldumbau kann nur dann gelingen, wenn Jagd und Forst eng und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Ich höre immer wieder den Vorwurf, dass wir Jäger die Wildtiere nur hegen und schützen, um sie nachher abzuschießen. Das ist falsch! Wir bewegen uns in einem streng überwachten und definierten rechtlichen Rahmen! Die Behörden setzen auf Grund von Wildverbissgutachten die Abschusspläne fest. Leider entwickelt sich die Situation unter dem Druck des (Staats-)Forstes gerade dahingehend, das Abschusslpläne (für Rehwild) abgeschafft werden, so dass man freie Hand hat, um alles abzuschießen, was einem in die Quere kommt. Ich möchte betonen, dass dies nicht die Motivation und Initiative der Jägerschaft, sondern des Forstes ist, um ökonomische Ziele zu erreichen. Die Angst der Menschen vor dem Klimawandel wird gezielt instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Wildtiere (und gegen die Jägerschaft?) zu schüren. Auch das Aussetzen von Wildtieren ist rechtlich streng geregelt. Dazu möchte ich das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz (JWMG) in Baden-Württemberg zitieren:
      㤠37 JWMG РAussetzen von Wildtieren
      (1) Tiere der diesem Gesetz unterstellten Arten dürfen nur mit Genehmigung der obersten Jagdbehörde in der freien Natur ausgesetzt werden. Bei Arten, die dem Schutzmanagement unterliegen, bedarf die Genehmigung des Einvernehmens der obersten Naturschutzbehörde (…).“

      Mir sind die Fälle, von denen Sie bzw. Herr Balluch in Österreich sprechen, nicht bekannt. Ich kann sie deshalb weder ausschließen noch bestätigen. Ich würde solche Aktionen genauso verachten und verurteilen wie Sie, weil sie meinem Verständnis von Jagd sowie meinem persönlichen Wertegerüst komplett widersprechen. Was ich weiß ist, dass in Ländern, wo die Fasanenjagd betrieben wird, solche Praktiken vorkommen (Fasane und Rebhühner sind übrigens auch in Baden-Württemberg von den zitierten Gesetzen ausgenommen).
      Mein Fazit ist, dass beide Seiten berechtigte Argumente haben. Die Jagd muss sich weiterentwickeln, um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden. Wir müssen unsere Jagdstrategien anpassen und uns enger mit dem Forst abstimmen. Als Jägerin werde ich aber immer prioritär das Wohl unserer Wildtiere in mein Handeln und Denken miteinbeziehen. Wir Jäger wehren uns entschieden dagegen, mehr und mehr in die Rolle eines staatlichen Dienstleisters gedrängt zu werden, der nur noch „Schädlingsbekämpfung“ betreiben soll. Ich hoffe, Sie können meine Erläuterungen nachvollziehen. Ich werde versuchen, noch weitere Informationen zu den von Ihnen angesprochenen Aussetzungen von Wildtieren in Erfahrung zu bringen. Wenn ich belastbare Infos dazu habe, werde ich sie hier posten. Gerne stehe ich für einen weiteren Austausch zur Verfügung. Herzliche Grüße, Christine Fischer

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