Wald mit Wild

Wie Wald mit Wild gelingen kann – ein Praxisbeispiel.

Lesezeit: 4 Minuten

Bleiben wir trotz nachvollziehbarer Emotionalität in der Debatte um den Waldumbau ehrlich: Ein gesunder Wald mit einem angepassten und gesunden Wildbestand ist möglich! Es gibt Wild-/Waldbewirtschaftungskonzepte, die ökonomische Zielsetzungen und ökologische Prozesse vereinen. Man muss sie nur wollen. Auch wir verfolgen in unserem Revier im Odenwald die Strategie Wald MIT Wild. Mit Erfolg. Große Ruhezonen schaffen die Grundlage dafür, dass das wiederkäuende Schalenwild weitgehend seinem natürlichen Äsungsverhalten folgen kann. Tagaktives Rotwild in einer stressfreien Umgebung verbeisst weniger wirtschaftsrelevante Pflanzen im Wald. Darüber freut sich auch der Forst. Ein Bericht.

Porträt Pachtrevier Odenwald (Baden-Württemberg/Hessen)

Der Odenwald („Sagenwald“) – Naturparadies und Rotwildgebiet. Foto: privat

Übersicht

Das gesamte Rotwildgebiet Odenwald umfasst eine Fläche von rund 46 600 ha. Die Höhenlage schwankt zwischen 150 und 600 m über NN. Bei einer Anzahl von rund 100 Jagdbezirken ergibt sich eine durchschnittliche Reviergröße von ca. 420 ha. Im Kern bestehen große zusammenhängende Waldflächen mit den Hauptbaumarten Fichte, Eiche und Buche. Im Rahmen des Waldumbaus werden zudem Douglasie, Roteiche und Kastanie angepflanzt. Ein Experiment, wie der zuständige Förster ehrlicherweise zugibt, denn auch nicht der renommierteste Forstwissenschaftler kann Stand heute vorhersagen, welche Bäume und Pflanzen in Zukunft dem Klimawandel trotzen werden.

Mit Ausnahme des östlichen Teils des Odenwaldes, der fruchtbare vulkanische Böden bzw. oberen Buntsandstein mit Lößlehmüberlagerung aufweist, handelt es sich größtenteils um kalk- und nährstoffarmen mittleren Buntsandstein. Die für den Odenwald typischen zahlreichen Wiesentäler werden von den meist bäuerlichen Eigentümern nicht mehr bewirtschaftet. Unser Pachtrevier umfasst knapp 1100ha jagdbare Gesamtfläche, wovon ca. 700ha in Baden-Württemberg und 400ha in Hessen liegen. Die jagdbare Fläche ist fast ausschließlich bewaldet. Der Feld-/Wiesenanteil beträgt lediglich 43ha. Wir bewirtschaftenden das Revier seit 2008. Leitwildart ist Rotwild, wonach auch die implementierten Jagdstrategien ausgerichtet sind. Daneben gibt es als weitere Schalenwildarten Schwarzwild und Rehwild. Erwähnenswert sind auch die vielen schützenswerte Arten, die im Revier beheimatet sind – dazu gehören Schwarzstorch, Eisvogel oder Schnepfe. Es gibt sogar vereinzelt wieder Auerhahn Sichtungen! Dieser Artenreichtum spricht für die Strukturvielfalt des Lebensraums.

Die Verantwortung für die Umsetzung der Jagdkonzepte obliegt unserer Familie sowie zwei weiteren Jägern. Wir erlegen im Revier 45 Stück Rotwild, ca. 30 Sauen und ca. 12 Rehe. Abschusspläne für Rehwild gibt es dabei nur noch in Hessen, nicht mehr aber in Baden-Württemberg. 80% des Gesamtabschusses werden über zwei größere Drückjagden generiert. Die Wald-/Wild-Situation verhält sich weitgehend unauffällig. Wir pflegen einen fortlaufender Dialog mit dem Forst und dem Grundeigentümer zur Definition von problematischen Flächen und Standorten, die daraufhin schwerpunktmäßig bejagt werden.

Unsere oberste Prämisse für die Bewirtschaftung unseres Reviers ist das klare Bekenntnis zum Existenz- und Lebensrecht unsere Wildtiere.

Wir betrachten sie als festen und untrennbar verbundenen Bestandteil des Ökosystems Wald. Wir stehen für einen gesunden Wald mit einem gesunden, biotopverträglichen Wildbestand.

Erfolgsfaktoren

Tagaktives Rotwild dank Ruhezonen und intelligenter Jagdstrategie. Äst das Wild auf freien Flächen, entsteht weniger Verbiss im Wald. Foto: privat 

Wir streben nach einer engen Kooperation mit dem Forst und Grundeigentümer. Es geht nur miteinander und nicht gegeneinander! Dazu gehören ein kollegialer und respektvoller Dialog, ein regelmäßiger Austausch und ggfs. flexible Anpassungen der  Jagd- und Forstkonzepte. Wir sind zudem Mitglied in der „Vereinigung der Rotwildjäger im Odenwald e.V.“. Ziel des Vereins ist es u.a., einheitliche und länderübergreifende Richtlinien für die Rotwildbewirtschaftung zu schaffen.

Tagaktives Rotwild, das auf freien Flächen äst, verursacht weniger Verbiss im Wald.

Eine großräumige Bewirtschaftung ist in einem Rotwildgebiet essentiell. Voraussetzung dafür ist ein gutes Einvernehmen mit den Reviernachbarn.

Bewusste, schonende Bejagung

Eine bewusste und schonende Bejagung ist uns wichtig. Der Fokus liegt auf den sogenannten „Intelligenten“ Jagdstrategien (Intervall- und Schwerpunktbejagung). Diese erlauben uns flexible Gestaltungs- und Implementierungsmöglichkeiten, um ökologischen Prozessen und ökonomischen Zielsetzungen gleichermaßen gerecht zu werden. 80% unseres Abschussplans erfüllen wir über zwei größere jährliche Drückjagden Ende November/Anfang Dezember. Wir haben ein rotierendes 3-Zonen-Konzept entwickelt, das die Grundlage für deren Durchführung darstellt: Wir haben in unserem Revier hierfür drei geografische Zonen definiert. Jede Drückjagd findet innerhalb einer dieser Zone statt. Auf den anderen beiden herrscht Jagdruhe. Das bedeutet, dass wir pro Jahr zwei Zonen bejagen und eine Zone nicht. Jedes Jahr „ruht“ somit alternierend eine der drei Zonen.

Grundsätzlich betreiben wir keine Nachtjagd und dies unabhängig von der Wildart. Die Jagd auf wiederkäuendes Schalenwild findet bei uns nur bis Ende Dezember statt. Wir nehmen dabei Rücksicht auf den Funktionsrhythmus des Organismus von wiederkäuendem Schalenwild, der im Winter Ruhe braucht.

Uns ist es wichtig, die Ausübung der Jagd nach wildbiologischen Kenntnissen auszurichten: Mehr Jagddruck und Stress erzeugt mehr Verbiss!

Eine erfolgreiche und effiziente Rotwildbejagung kann nur dann gelingen, wenn man Rücksicht nimmt auf die besondere Lernfähigkeit, Sensibilität und die Sozialstrukturen dieser Wildart. Wir verzichten deshalb auf Schüsse in größere Rudel hinein, um zu vermeiden, dass ältere Stücke ihre Erfahrungen weitergeben und das Wild sich als Konsequenz heimlicher verhält und seine Aktivitäten in die nächtlichen Stunden verlegt.

Zu unserem Revierkonzept gehört auch eine durchdachte ökologische Raumplanungen, die wir ständig hinterfragen und basierend auf unserer Erfahrung optimieren. Herzstück sind die konsequent eingehaltenen, großen Ruhezonen. Wir profitieren außerdem davon, dass im Odenwald dank einer geringen touristischen Frequentierung nur wenige Störungen durch Freizeitaktivitäten verursacht werden.

Strukturreiche Waldränder bieten Äsung, Deckung und Schutz. Foto: privat
Einzelschutzmaßnahmen für sensible, nicht-heimische Baumarten (hier Douglasie) gehören zu einem fairen Umgang mit dem Wild. Foto: privat

Die Naturverjüngung der autochthonen Hauptbaumarten funktioniert ohne Schutzmaßnahmen. Für die Aufforstung von sensiblen, allochthonen Baumarten werden hingegen Einzelschutzmaßnahmen verwendet; diese gehören zu einem fairen Umgang mit unseren Wildtieren dazu.

Um das Wild von wirtschaftlich relevanten Pflanzen „abzulenken“, setzen wir auf vielfältige lebensraumverbessernde Maßnahmen. Wir schaffen alternative Äsungsangebote auf Flächen, die konfliktarm und unproblematisch sind. Dazu gehören die Anlage und Pflege von Wildwiesen, strukturierte Waldränder, Grünstreifen an Waldwegen oder die Anpflanzung von Prosshölzern. Diese Maßnahmen zeigen den gewünschten Wildlenkungseffekt: Die Wildtiere werden dorthin geleitet, wo sie wenig Schaden für wirtschaftsrelevante Bäume und Pflanzen anrichten können. Es versteht sich von selbst, dass auf solchen Ausweichflächen strikte Jagdruhe herrschen muss, damit das Wild in Ruhe äsen kann.

Erwähnenswert ist auch, dass wir keine Einzelabschüsse oder Abschusspakete verkaufen. Die Bejagung erfolgt ausschließlich in fester Konstellation durch insgesamt drei erfahrene und ortskundige Jäger mit langjähriger Rotwilderfahrung.

Besondere Erkenntnisse und Verbesserungspotenzial

Wald MIT Wild ist möglich, wenn es ein transparentes und durchdachtes Jagd-/Forst-Konzept gibt und alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Wildschäden lassen sich nicht komplett vermeiden – Verbiss und Schäle gehören zum natürlichen Äsungsverhalten des wiederkäuenden Schalenwildes; dies muss von allen Interessengruppen akzeptiert werden. Um dennoch allen Ansprüchen gerecht zu werden, lassen sich aber Flächen mit unterschiedlichen Toleranzgrenzen definieren: sensible Verjüngungsflächen müssen intensiver bejagt werden als weniger problematische Standorte.

Unser Jagdkonzept richtet sich weitgehend nach den natürlichen Verhaltensweisen des Wildes.

Wir respektieren wann immer möglich das Bedürfnis des Schalenwildes nach Ruhe, Deckung, Äsung und einer stressfreien Umgebung. Dies ermöglicht es, dass wir tagaktives Rotwild im Revier haben, das seinem natürlichen Äsungsrhythmus (auch auf freien Wiesen) nachgehen kann. Es gilt zu beachten, dass sich die Ermittlung von Wildschäden nicht nur nach der Höhe der Verbissprozente richten darf. Die zentrale Frage muss lauten: wachsen genügend Pflanzen einer Zielart auf einer definierten Fläche nach? Es ist demnach möglich, dass trotz hoher Verbissprozente eine erfolgreiche Naturverjüngung stattfindet.

Optimierungsspielraum sehen wir bei einer intensiveren Absprache zwischen Jagd und Forst im Hinblick auf die strukturelle Ausgestaltung während der Aufforstungsphase. Eine möglichst frühe Definition und Anlage von Jagdschneisen vereinfachen die schwerpunktmäßige spätere Bejagung.

Wolfsnachweise in der Region und eine erste Sichtung am 5.12.2020 bei uns im Revier werfen die Frage auf, wie das Rotwild seine Verhaltensweise der Anwesenheit des Wolfes anpasst und ob die aktuell erfolgreich angewendeten Jagdkonzepte auch in Zukunft noch funktionieren werden.

Es ist mir ein persönliches Anliegen darauf hinzuweisen, dass die traditionelle Jägerschaft nicht rückwärtsgewandt agiert, wenn sie sich zu einer klaren Positionierung PRO Wild bekennt! Ich wünsche mir mehr Kompromissbereitschaft und Dialogbereitschaft auf beiden Seiten, um Jagdkonzepten, die einerseits ökologische Prozesse fördern und andererseits ökonomische Zielsetzungen nicht aus den Augen verlieren, eine Chance zu geben.

Für uns alle gilt: Wir Jägerinnen und Jäger haben die Pflicht, radikaler Wildfeindlichkeit entschieden entgegenzutreten und immer und immer wieder auf unseren wertvollen gesellschaftlichen Beitrag hinzuweisen.

Prof. Dr. Dr. habil. Sven Herzog, Lehrstuhlinhaber (Dozentur für Wildökologie und Jagdwirtschaft) am Institut für Waldbau und Forstschutz der Technischen Universität Dresden, beschreibt das Konzept zur Steuerung der Habitatnutzung überzeugend auf Grundlage einer Push- und Pull-Strategie.

Quelle: virtuelles Wildtierforum Baden-Württemberg 2020, Referat Prof. Dr. Dr. Sven Herzog. Abbildung mit freundlicher Genehmigung.

Beitragsfoto: rethinktwice auf pixabay

5 Kommentare zu “Wie Wald mit Wild gelingen kann – ein Praxisbeispiel.

  1. Cornelia Keinath

    Liebe Frau Fischer!
    Bin übers Fernsehen auf ihre Seite gestoßen .
    Es gibt sie noch die Jäger die es interessiert ob es dem Wild in ihrem Revier gut geht.
    In ihrem letzten Beitrag wurde das sehr gut erklärt.
    Meine negative Meinung über die Jäger hat sich mit diesem Artikel doch etwas zum positiven verändert.
    Machen sie weiter so.
    Herzliche Grüße
    Cornelia Keinath

    • Christine Fischer

      Liebe Frau Keinath,
      herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Er freut mich ganz besonders und ist mein Ansporn, weiterzumachen – im Namen der Wildtiere! Einer der Hauptgründe, weswegen es Hirsch&Co gibt, ist es, aufzuklären, Vorurteile abzubauen und den Dialog zwischen Jägern und Nichtjägern zu intensivieren. Ich wünsche Ihnen und Ihren Liebsten eine besinnliche und schöne Weihnachtszeit! Beste Grüße, Christine Fischer

  2. Liebe Frau Fischer,

    da machen Sie sich und den Lesern aber gehörig was vor.
    Sie betreiben einen Jagdbetrieb wie aus den 1970-er Jahren, schießen ein Reh pro 100 Hektar und behaupten, alle autochthonen Arten würden sich natürlich verjüngen. Suchen Sie in Ihrem Wald doch mal Traubeneichen, die sich erfolgreich in ausreichender Anzahl vermehrt haben. Als Indikator für die anderen Arten, auch aus der Krautschicht, die bei Ihrer hohen Wilddichte selektiert und ausgerottet werden und damit eine Kaskade des Artensterbens in ihrem Revier ausgelöst wird.

    Diese Art der romantischen Wildbewirtschaftung hat über die letzten vier Jahrzehnte genau zu den Problemen geführt, die wir heute mit den x-fach überhöhten Wildbeständen haben. Und Sie sorgen sich, dass die bösen Förster die Hirsche ausrotten wollen?

    Sie haben in Ihrem Revier exorbitante Waldschäden durch überhöhte Wilddichten. Aber viel Spass auf der Jagd!

    Mit feundlichen Grüßen

    Jo Baum

    • Christine Fischer

      Hallo Herr Baum,
      danke für Ihren Kommentar. Wir haben eine Wald-/Wild-Strategie in Absprache mit dem Forst und Grundeigentümer definiert, die für alle Beteiligten stimmt und auch den ökonomischen Zielsetzungen gerecht wird. Nach unserer Auffassung ist das Wild fester Bestandteil des Ökosystems Wald und (auch als Leitart) für viele wertvolle, ökologische Prozesse verantwortlich. Das hat rein gar nichts mit Naturromantik zu tun, sondern mit Erfahrung und Strategien, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Jagdkonzepte, die die natürlichen Verhaltensweisen des Wildes berücksichtigen und dessen Existenzrecht nicht in Frage stellen, sind alles andere als rückständig, sondern stellen eine gesunde und respektvolle Alternative zu den vernichtenden Wald vor Wild Strategien dar, die dem Wild vielerorts kaum noch eine Chance lassen. Es ist unfair, die heutigen Probleme alleine einer verfehlten Wildbewirtschaftung anzulasten. Der Forst hat auch nicht unbedingt eine ruhmreiche Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Wir sollten uns vielmehr gemeinsam für die Verbesserung der Lebensräume einsetzen. Davon profitieren nicht nur unsere Wildtiere, sondern auch Pflanzen- und Baumarten.
      Rehwild spielt in unserem Revier übrigens eine untergeordnete Rolle und ist nur spärlich vorhanden. Wenn ich Ihren Beitrag lese, dann müsste ich allerdings davon ausgehen, dass Sie genauere Zahlen aus unserem Revier kennen als ich.
      Mit freundlichen Grüßen, Christine Fischer

    • Markus Bender

      Lieber Herr Jo Baum – so wie das in dem Artikel steht, geht es gar nicht besser damit umzugehen! Die Tiere machen dem Wald grundsätzlich gar nichts! Selbst in „überhöhtem“ Bestand nicht. Das was man sich da max. bei vormacht ist, dass sich nicht nur das Wild im Wald Holzfasern nimmt. Unser Hunger ist auch gewaltig und einzig und allein deswegen Bestände in unserer Landschaft reguliert werden müssen. Und ganz doof sind die ja auch nicht bzw. hab ich noch nie ein Alttier gesehen das sich freiwillig zum Abschuss begeben hat. Um Ihre Traubeneichen kann man auch ´nen Holzgatterzaun machen!
      MfG M. Bender

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