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Die Zukunft der Alpengams ist gefährdet

Lesezeit: 5 Minuten

Titel der Studie: Die Gams in Europa (2020)

Projektträger: Deutsche Wildtierstiftung und Internationaler Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC)

Projektpartner: Büro für Wildbiologie Bayern

Autoren: Dr. Christine Miller, Dr. Andreas Kinder, Hilmar Freiherr v. Münchhausen

Fakten und Erkenntnisse

  • Schutzstatus der Alpengams: FFH-Richtlinie der EU (Anhang V) und Berner Konvention; d.h. besondere Schutzmaßnahmen sind erforderlich.
  • Nicht alle betroffenen EU-Staaten kommen ihren Verpflichtungen nach. Trotz klarer Vorgaben der EU gibt es zwischen den Ländern erhebliche Unterschiede beim Monitoring und Management.
  • Fazit: Deutschland (Bayern) und Österreich fallen beim europaweiten Gamsmanagement durch. Die Bejagung ist zu intensiv und wird ohne faktenbasierte Grundlage durchgeführt. Damit ist der Erhaltungszustand nicht günstig und die Zukunftsaussichten düster.
  • Es braucht dringend eine regelmäßige Erhebung und Bewertung der Gamspopulationen durch die Alpen-Anrainerstaaten der EU.

Ausgangslage

Verbreitungsgebiet der Alpengams (ohne Mittelgebirgs-Vorkommen) mit den ungefähren Populationsgrößen (verändert nach JAGD SCHWEIZ & JAGD- UND FISCHEREIVERWALTUNGSKONFERENZ o.J.), Quelle: Die Gams in Europa, Endbericht, Deutsche Wildtierstiftung und CIC, S. 19

Die Alpen-Gams (Rupicapra rupicapra L.) kommt in sieben Mitgliedsstaaten der EU sowie der Schweiz vor. Die gemeinsame Studie der Deutschen Wildtierstiftung und des CIC zeigt, dass die Zukunftsaussichten der Alpengams in Europa düster aussehen. Die Lebensbedingungen des Gamswildes haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend verschlechtert. Gründe dafür sind die zunehmenden anthropogene Störungen, Landnutzungswechsel oder klimatische Veränderungen. Schätzungen gehen von einer Gesamtpopulation im Alpenraum von ca. 500.000 Individuen aus. Diese Zahl ist allerdings mit sehr großen Unsicherheiten verbunden, da oft eine verlässliche Datengrundlage fehlt und die Fehlerquote der Schätzungen hoch ist.

Die FFH-Richtlinien der EU geben vor, dass die Gams erst bei einem günstigen Erhaltungszustand bejagt werden darf. Dies wird vor allem in Bayern und Österreich nicht eigehalten. Während Staaten wie Frankreich, Italien oder Slowenien ein aufwendiges und regelmäßiges Monitoring der Gamsbestände betreiben, melden Deutschland und Österreich lediglich die Abschusszahlen. Analysen und Daten zur Alters- und Sozialstruktur werden völlig außer Acht gelassen. Um die Abschusshöhe festzulegen, braucht es auch biologische Daten wie die natürliche Wintersterblichkeit. Besonders schlecht schneidet Bayern ab. Dort wird die Abschusshöhe ausschließlich am Zustand der Waldvegetation abgeleitet. Diese mangelhafte Umsetzung der EU-Vorgaben umfasst auch die Ausweisung von Null-Toleranz-Gebieten, in denen die Gams keine Schonzeit mehr hat. Die Deutsche Wildtierstiftung und der CIC fordern ein umfassendes Monitoring der bayerischen Gamspopulation, einen Verzicht auf lokale Verlängerungen der Jagdzeiten und die Ausweisung von Gebieten mit Jagdruhe. Mit diesen Maßnahmen soll eine Erholung der Gamsbestände ermöglicht werden.

Projektübersicht

Die Studie vergleicht die Rahmenbedingungen des Managements der Alpengams in den betroffenen EU-Mitgliedsstaaten und der Schweiz (u.a. Lebensraum, Populationsstruktur, jagdliche Bestandseingriffe). Diese Fallen sehr unterschiedlich aus.

Der umfangreiche Schutzstatus für autochthone Gamswildvorkommen umfasst die Verpflichtung, den jeweiligen Populationszustand und die Entwicklungstendenzen zu erheben und zu bewerten. Frankreich hat ein klares System von Zuständigkeiten, Bewertung und Kommunikation beim Monitoring und Planung von Wildtierbeständen aufgebaut. Die Datenerhebung erfolgt standardisiert, langfristig und unter Einbeziehung der Jäger. In der Schweiz, in Italien und Slowenien wird ein grundsätzlich ähnliches Vorgehen angewandt, das jedoch weniger zentral koordiniert ist und weniger fachlich stringent und langfristig durchgeführt wird. In Deutschland und Österreich gibt es kein flächendeckend agierendes Fachpersonal, das einer staatlichen Behörde zuarbeitet. Die Statusmeldungen aus Österreich und Deutschland an die EU basieren entgegen internationaler Gepflogenheiten und anerkannter fachlicher Standards lediglich auf der Grundlage von zusammengefassten Streckenmeldungen.

Jagdliche Eingriffe in die Alpengams-Population

In den Regionen Europas, in denen Jagdrecht und Grundbesitz verknüpft sind, steht die Regulierung von Wildbeständen den im Vordergrund der Jagdwirtschaft. Gerade in Deutschland und Österreich wird die Diskussion um Wildschäden an der Vegetation, vor allem dem Wald, sehr emotional geführt. Denn hier steht meist das „Störpotenzial“ des Wildes im Vordergrund. In den europäischen Patentjagdgebieten hat die Erhaltung eines „Rechtes auf Jagd“ hohe Priorität in der Gesellschaft – auch wenn es in allen Ländern Europas Jagdkritiker gibt. Die jagdliche Planung soll im System der „Volksjagd“ gewährleisten, dass Wild nachhaltig und von so vielen Menschen wie möglich genutzt werden kann.

Die Jagdstrecken sind seit Jahren tendenziell rückläufig und betrogen in Summe pro Jahr ca. 60.000 Individuen, wovon ein Drittel in Österreich erlegt wird und je 12.000 Tiere in Frankreich und Italien. Eine Aufhebung der Schonzeit des Gamswildes ist nur in Österreich und Bayern vorgesehen und wird dort zum Teil großzügig genehmigt.

Jagdzeiten in den Alpenländern im Vergleich. Neben den gesetzlich festgelegten Jagdzeiten gibt es in einzelnen Regionen Ausnahmeregelungen, um kleinflächig in der Schonzeit Gamswild zu erlegen. Für Bayern sind diese Ausnahmen großflächig getroffen. Quelle: Die Gams in Europa, Endbericht, Deutsche Wildtierstiftung und CIC, S. 30

Bei der Planung jagdlicher Eingriffe sind die gleichen Unterschiede sichtbar wie beim Monitoring. In Frankreich, in den meisten Kantonen der Schweiz und den Provinzen Italiens fließen biologische Faktoren in die Abschussplanung ein. Die Planung erfolgt großräumig und unter Berücksichtigung von Ruhe- und Rückzugsgebieten. In einer Reihe von Bundesländern Österreichs und generell für die bayerischen Gamsvorkommen erfolgt die Eingriffsplanung in der Regel ohne Berücksichtigung biologischer Anforderungen und unter der Maßgabe, die Ansprüche der land- und forstwirtschaftlichen Nutzergruppen weitestgehend zu befriedigen. In der Schweiz und in Frankreich werden Ausfälle durch Fallwild bereits bei der Planung des jährlichen Zu- wachses und darauf aufbauend bei der Abschussfreigabe berücksichtigt, in Österreich und Deutschland wird lediglich das gefundene bzw. gemeldete Fallwild auf den bereits festgelegten Abschuss angerechnet.

In Deutschland (Bayern) und in einigen Regionen Österreichs führen forstliche Projekte zu einer systematischen Verdrängung und Übernutzung der Bestände sowie zu unnatürlichen und langfristig labilen Populationsstrukturen. Die Einschätzung des Erhaltungszustandes in diesen Ländern wir dennoch als „günstig“ angegeben, was nicht nachvollziehbar und vor allem aufgrund der Streckenstruktur auch nicht plausibel ist. Darüber hinaus wird vor allem in Bayern und regional in Österreich versucht, die Gamsvorkommen, die sich in Waldbereichen aufhalten, zu eliminieren. Sowohl Deutschland als auch Österreich kommen damit den Verpflichtungen, die sich aus der FFH-Richtlinie ergeben, nicht nach. Für Österreich und Deutschland müssen grundsätzlich Strukturen für ein aus- sagekräftiges und verpflichtendes Monitoring entwickelt und implementiert werden.

Übersicht des Jagdmanagements von Gämsen in den Alpenanrainerstaaten. Quelle: Die Gams in Europa, Endbericht, Deutsche Wiltierstiftung und CIC, S. 51

Kriterien zur nachhaltigen Nutzung

Jagdliche Eingriffe sollten so gestaltet sein, dass sie natürliche Sterblichkeitsmuster abbilden, damit arttypische Sozialstrukturen erhalten bleiben. Untersuchungen aus den französischen Alpen weisen darauf hin, dass jagdliche Selektion nicht nur die Struktur der lebenden Populationen ändern kann sondern auch deren Verhalten. Jagddruck und falsche Bejagung können zudem zu gestörten Sozialstrukturen und zu Störungen der arttypischen Brunftverläufe führen. Dazu gehört starker innerartlicher Stress durch z. B. eine unnatürlich lange und Energie zehrende Brunft bei jungen und mittelalten Böcken oder innerartlicher Stress unter Geißen ebenfalls durch eine langanhaltende Brunft bewirken. Das Fehlen von alten, das heißt sozial reifen Gämsen (ab 10-12 Jahren), v. a. erfahrener Geißen, verringert die Möglichkeit, jeweils rechtzeitig in günstige und sichere Wintereinstände zu wechseln. Anthropogene Störungen während des winterlichen Stoffwechseltiefs und Fehlen ruhiger und geeigneter Rückzugsräume in Zeiten hoher physiologischer Beanspruchung (Setzzeit, Laktation) führen zu einer zusätzlichen Belastung von Böcken und Geißen, die sich in verminderter Äsungsaufnahme, verringerter Kondition und möglicher- weise dauerhaft hohem Stressniveau äußern und dadurch auch die Immunabwehr einzelner Gämsen beeinträchtigen wie auch das Seuchengeschehen einer ganzen Sozialgruppe bzw. Subpopulation.

Die Höhe der Entnahme muss sich an der Zuwachsrate der jeweiligen Teilpopulation in einem Gebiet orientieren, um eine nachhaltige Nutzung zu gewährleisten. Ein Missverständnis, das oft zu noch stärkerer Übernutzung führen kann, ist die Annahme, dass mehr reduziert werden muss, so lange die Geburtenrate wächst. Die spezifische Geburtenrate liegt im Bereich von 50 bis 90 %, das heißt, dass 50 bis 90 von 100 Geißen von einem Kitz begleitet werden (LOISON et al. 1996, PIOZ et al. 2008). Für die Ermittlung nachhaltiger Nutzungsraten ist jedoch die allgemeine Geburtenrate (auch Zuwachsrate genannt) maßgebend. Sie gibt den Verhältniswert von allen Kitzen zur Gesamtzahl aller Individuen ab einem vollendeten Jahr an und liegt im Bereich von 5 bis 15% (CORLATTI et al. 2019a). 

Die fachliche Zuständigkeit für Planung, Management, Evaluierung und Reporting ist in den einzelnen Ländern oft unterschiedlich geregelt. Es empfiehlt sich aber, immer eine strukturelle Ausgewogenheit bei der Planung und Entscheidung über Maßnahmen, die das Gamswild betreffen, herzustellen. Daher sollten unter der Federführung einer staat- lichen Stelle die Gruppen a) Wildbiologie und Naturschutz, b) Naturnutzer und c) Jäger und Grundeigentümer an der Managementplanung beteiligt werden. Das eigentliche Management der Art muss schließlich drei Aspekte umfassen:

  • eine Planung von Höhe und Struktur jagdlicher Eingriffe, abgestimmt auf die natürliche Dynamik und Struktur der Bestände,
  • eine Planung der räumlichen Eingriffsdichte unter Berücksichtigung der jahreszeitlichen Lebensraum- ansprüche und
  • die Etablierung von Wildruhe- bzw. Jagdschongebieten.

Ansprechpartner:
Dr. Christine Miller
Büro für Wildbiologie Bayern
Haslau 21, D – 83700 Rottach-Egern

Link zur gesamten Studie: Die Gams in Europa. Situation und Handlungsbedarf im Alpenraum.

Beitragsfoto: rottonara, pixabay.com

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