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Effizienz der Kitzrettung mittels Drohne und Wärmebildkamera

Lesezeit: 5 Minuten

Titel: Einsatz neuer Technologien in der Jagd am Beispiel Kitzrettung mittels Drohne mit Wärmebildkamera – Bringt der Einsatz dieser Technik einen Mehrwert für die Jagd? Abschlussarbeit Universitätslehrgang „JagdwirtIn“, BOKU Wien (2019).

Autor: Dirk Sachon

Fakten und Erkenntnisse

  • Die rechtlichen Voraussetzungen zum Einsatz von Drohnen ist in Österreich durch das Luftfahrtgesetz geregelt. Für die Nutzung der Drohne muss eine Betriebsbewilligung vorliegen, die an unterschiedliche Auflagen geknüpft ist. Ab 1. Juli 2020 wird die neue EU-Drohnenverordnung in allen europäischen Mitgliedsstaaten in Kraft treten. Die Höhe des Risikos wird über die Auflagen entscheiden – Für Privatnutzer wird es eine Registrierung statt einer Bewilligung geben.
  • Eine fundierte Ausbildung, eine spezielle Haftpflichtversicherung und eine aufrechte Bewilligung durch die Austro Control (in Österreich) sind Grundvoraussetzungen für einen professionellen und rechtssicheren Einsatz von Drohnen zur Kitzrettung.
  • In keinem der österreichischen Landesjagdgesetze ist eine Verpflichtung für den Jäger erfasst, Rehkitze vor dem Mähtod zu bewahren.
  • Das Tierschutzgesetz bietet eine rechtliche Grundlage, an denen sich Rehkitzrettungseinsätze orientieren können.
  • Die Hauptverantwortung liegt bei den Landwirten. Im Sinne des Tierschutzgesetzes machen sie sich strafbar, wenn sie ohne geeignete eigene Schutzmaßnahmen den Mähtod der Kitze billigend in Kauf nehmen.
  • Rehkitz-Rettungseinsätze sind derzeit ein freiwilliger gesellschaftlicher Beitrag der Jägerschaft.
  • 84% der Jägerinnen und Jäger versuchen unabhängig von der Methode, Kitze vor dem Mähtod zu bewahren.
  • 94% der Jägerinnen und Jäger sind der Meinung, dass die Rehkitzrettung mittels Drohne und Wärmebildkamera einen Mehrwert für die Jagd hat.
  • Der Einsatz der Drohne mit Wärmebildkamera ist die effizienteste Kitzrettungs-Methode.
  • Um einen Hektar alleine kreuz und quer abzugehen braucht ein einzelner Mensch 12,24 mal so lange wie eine Drohne.
  • Mit einer Drohne findet man Rehkitze um das 1,32-fache besser als mit jeder anderen Suchmethode und rettet somit wesentlich mehr Rehe.
  • Für den Einsatz von Drohnen zur Kitzrettung gibt es limitierende Faktoren – Diese sind beispielsweise die Sonneneinstrahlung, die kurze Akku-Laufzeit oder die zeitlich limitierten Flugzeiten (für Flüge ab Sonnenaufgang sind Sondergenehmigungen erforderlich).
  • Drohnenkurse in Österreich gibt es beispielsweise bei Coptertronics.
  • Was bisher in Österreich fehlt ist eine gezielte Vernetzung von Helfern und Drohnenpiloten mit Jägern und Landwirten! Was kann ich tun? Unterstütze die Initiative von capreolus.at. Werde Teil von kitzretter.at und trage dich in die Datenbank ein. Nutze den hashtag #kitzretter für alle Posts rund um die Kitzrettung.
  • Weitere Informationen für Deutschland: kitzrettung-hilfe.de
  • Auf Facebook: Drohnenprojekt – Leben retten

Ausgangslage

Neue Technologien versprechen einen gewissen Nutzen für die Jägerschaft. Dirk Sachon untersuchte in seiner Jagdwirt-Abschlussarbeit, ob und in welchen Umfang im Hinblick auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit dies für die Kitzrettung mittels Wärmebildkamera und Drohne zutrifft.

Links: Rehkitz in Wiese mit normaler Kamera fotografiert. Rechts: Das gleiche Rehkitz mit Wärmebildkamera aufgenommen. Quelle: Sachon, S. 26

Europäische Rehkitze werden hauptsächlich im Mai und Juni gesetzt. Ihr Geburtsgewicht liegt zwischen 1.225 g und 1.500 g und ihre Körpertemperatur liegt zwischen 38,8-39 °C. Während den ersten drei Wochen werden sie von der Geiß an einem geschützten Ort abgelegt. Bei nahender Gefahr drücken sie sich in die Wiese und bleiben unbeweglich liegen. Oftmals fällt genau in diese Zeit auch die erste Mahd der Wiesen. Viele Kitze werden auf Grund des angeborenen Drückinstinktes vom Mähwerk erfasst und getötet.

Die Hauptverantwortung für die Kitzrettung liegt beim Landwirt.

Prozentualer Anteil der in der Vergangenheit angewandten Kitzrettungsmethode (n=560). Quelle: Sachon, S. 38

Rechtlich betrachtet ist in keinem der österreichischen Landesjagdgesetze eine Verpflichtung für den Jäger enthalten, Rehkitze vor dem Mähtod zu bewahren. Die Rettungeinsätze erfolgen in erster Linie freiwillig und beruhen auf einem ethisch-moralischen Grundsatz und/oder orientieren sich am Tierschutzgesetz. Unabhängig einer gesetzlich verankerten Verpflichtung, versuchen 84% der Jägerinnen und Jäger unabhängig von der Methode, Kitze vor dem Mähtod zu bewahren. Dr. Wolfgang Lipps ist Rechtsanwalt und in dieser Funktion auch Autor zahlreicher jagdrechtlicher Publikationen und trifft folgende Aussage zum deutschen Tierschutzgesetz: „Zwar sind die Jagdausübungsberechtigten verpflichtet, an Maßnahmen zur Kitzrettung ebenso mitzwirken wie an solchen der Wildschadensverhütung. Die überwiegende Pflicht trifft jedoch den Landwirt. Zum einen trägt der Landwirt die Betriebsgefahr seiner landwirtschaftlichen Maschinen und ist deshalb verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass durch diese Maschinen kein Personen- oder Sachschaden entsteht. Zum dritten aber macht sich der Landwirt strafbar, der ohne geeignete eigene Schutzmaßnahmen den Mähtod der Kitze billigend in Kauf nimmt. Der Landwirt kann mithin vom Jäger verlangen, dass er an Maßnahmen mitwirkt, die den Mähtod der Kitze möglichst vermeiden. (…)“ (Wagner, J.: Schach dem Mähtod, Jagdwirt-Abschlussarbeit BOKU Wien, 2012). Für die Bauern entsteht also aus dem Tierschutzgesetz eine Verpflichtung, Tiere vor unnötigem Leid oder dem Tod zu bewahren. Diese Verpflichtung wird leider oft ignoriert. Ein Grund dafür ist, dass Bauern nicht über ausreichend Personal verfügen, um ein Feld strukturiert zu durchsuchen. Der direkte und zuverlässige Dialog mit der Jägerschaft ist deshalb unverzichtbar.

Projektübersicht

Dirk Sachon mit Drohne Hexacopter von Yuneec Typ Typhoon H. Foto: Dirk Sachon

Sachon hat eine umfassende online-Umfrage in der Jägerschaft sowie Untersuchungen in der Praxis durchgeführt. Dafür wurde ein Hexacopter von Yuneec, Typ Typhoon H benutzt (Preis zwischen 2.325,05 € und 3.299,- € inkl. 3 Akkus). Die Lebensdauer einer Drohne ist nicht definiert, da die Technik noch relativ neu ist. Die Flüge zur Rehkitzrettung wurden in 25 m Höhe durchgeführt. Es muss berücksichtigt werden, dass die optimale Flughöhe der Drohne zur Detektion der Kitze von der Außentemperatur der Umgebung abhängt. Die Rehkitze wurden durch eine Silikonflasche simuliert, die mit 39 Grad warmem Wasser gefüllt war. Es wurden insgesamt ca. 30 ha in den Gemeinden Mattsee, Lochen am See und Neumarkt am Wallersee abgeflogen. Die durchgeführte Praxiserhebung führte zu einem 100%-igen Sucherfolg. Ein einschränkender Faktor ist die mit 20min kurze Laufzeit des Akkus. Für die Nutzung der Drohne muss eine Betriebsbewilligung vorliegen, die an unterschiedliche Auflagen geknüpft ist. Der Betrieb ist beispielsweise nicht gestattet, wenn dadurch Tiere gefährdet oder belästigt werden könnten. Der Aspekt der Belästigung wurde in unterschiedlichen wissenschaftlichen Studien untersucht (z.Bsp von Elisabeth Vas et. al). Es konnten keine Belege dafür erbracht werden, dass der Einsatz von Drohnen eine signifikante Belästigungssituation für die Wildtiere bedeutet. Bei Bären wurde allerdings eine erhöhte Herzfrequenz gemessen, jedoch kein unmittelbares Fluchtverhalten. Die Frage bleibt allerdings unbeantwortet, ob durch Drohnen ausgelöste kurzzeitige Stressreaktionen zu einer langfristigen Beeinflussung der Reproduktionsraten führen könnte.

Kitzrettung mittels Drohne ist die effizienteste Methode.

Erfolgreiche Kitzrettung nach Drohnenlokalisierung. Foto: Dirk Sachon

Die Ergebnisse der Untersuchungen haben gezeigt, dass die Kitzrettung mittels Drohne die effizienteste Methode ist. An zweiter Stelle befindet sich die kombinierte Methode mittels Vergrämung plus Begehung mit Hund. Hierfür gehen eine größere Anzahl an Menschen die Wiesen mit Stöcken ab, um Kitze in ihren Betten zu finden. Hunde, die eine gesonderte Ausbildung zum Aufstöbern von Rehkitzen haben, können helfen, diese Methode zeitlich effizienter zu gestalten. Des Weiteren gehört die Strategie des Scheuchens oder Vergrämens, bzw. Verwitterns zu den kombinierten Methoden. Man versucht durch optische, akustische oder olfaktorische Einflüsse, das Wild so zu beunruhigen, dass es die Wiese verläßt. Allerdings funktioniert das in direkter Hinsicht nur mit Rehkitzen mit einem Alter von über drei Wochen, die bereits einen Fluchtinstinkt entwickelt haben. Damit diese Methode funktioniert, muss das Muttertier das junge Kitz aus der Wiese führen. Bei einer Untersuchung der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen (Schweiz) fand man heraus, dass diese Methode jedoch einige Nachteile hat. „Immer wieder stellten aber Landwirte fest, dass Verwittern und Verblenden einmal funktionierte und das nächste Mal wieder nicht. So kam es vor, dass selbst drei Meter neben dem Flender Rehkitze vermäht wurden. Deshalb wurde vermutet, dass sich die Rehe an Gegenstände in der Natur (Siloballen, Selbsttränken, Mäher zum Eingrasen, Müll) gewöhnt hatten. Wahrscheinlicher ist aber, dass Rehindividuen ein unterschiedliches Angstverhalten aufwiesen. Während mutige Individuen noch am selben Abend nach dem Flenderstellen ihre Kitze aus dem Bestand führten, trauten sich die ängstlichen erst nach zwei bis drei Tagen in den Bestand hinein. Die mutigen Rehe kehrten zudem nach ein bis zwei Tagen zurück, wenn sich in der Wiese weiter nichts tat. Den meisten Methoden gemeinsam war, dass zu deren Anwendung viele Helfer benötigt wurden.

Anteil der trotz der durchgeführten Such- oder Vergrämungsaktion getöteten Kitze in Relation zu den geretteten Kitzen in Prozent zur Darstellung der Effizienz der einzelnen Aktionen. Quelle: Sachon, S. 39

Dass die Drohnenmethode im Hinblick auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit die führende Methode ist, weist Sachon in unterschiedlichen Rechenmodellen nach. Zum Beispiel baucht ein einzelner Mensch 12,24 mal so lange wie eine Drohne, um einen Hektar alleine kreuz und quer abzugehen. Alternativ könnte er sich ausreichend Menschen suchen, um eine rasche, koordinierte Suche zu gewährleisten. Die Arbeitszeit der Helfer müssten aber bezahlt werden. Die Drohne hat also einen Zeitfaktor, der das 12,24-fache besser ist, als das Abgehen des Feldes. Dann gibt es noch den Effizienz-Faktor. Mit einer Drohne findet man das 1,32-fache besser Rehkitze, als mit jeder anderen Suchmethode und rettet damit wesentlich mehr Rehe. Also auch wenn man davon ausgeht, dass ausreichend Helfer zur Verfügung stehen, um ein Feld abzugehen, ist die Drohne noch immer effizienter. Nicht betrachtet wurde der Faktor „Niedertrampeln der Wiese“ im Falle einer herkömmlichen Suche und der dadurch geringere Ertrag der Wiese/Heu. Limitierender Faktor bei der Drohne ist die Sonneneinstrahlung. Sobald die Sonne stärker wird, besteht zwischen der Körpertemperatur des Kitzes und der Umgebungstemperatur nur noch ein geringer Unterschied. In der Regel eignet sich deshalb nur der Zeitraum bis 10 Uhr morgens. All diese Faktoren in Bezug zu den Kosten für Anschaffung und Unterhalt einer Drohne und im Vergleich zum durchschnittlichen Stundenlohn zeigen, dass die Suche mit Drohnen effizienter und mit geringeren Kosten verbunden ist, als jede andere Suchmethode. Wohlgemerkt im Modell. Sollten theoretisch -zig Menschen kostenlos zur Verfügung stehen, relativiert sich das, aber so ist das ja immer in der Wissenschaft und bei Modellen.

Presseberichte zu Dirk Sachons Drohnen-Projekt:
Salzburger Nachrichten (8. Juni 2019)
Oberösterreichische Nachrichten (2. Mai 2019)

Link zur ganzen Abschlussarbeit

Beitragsfoto: Vincent van Zalinge, unsplash.com

1 Kommentar zu “Effizienz der Kitzrettung mittels Drohne und Wärmebildkamera

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