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Der Mensch ist schuld – Seit 1990: Rückgang der Wirbeltiere in Österreich um fast 40%

Lesezeit: 7 Minuten

Titel der Studie: Monitoring vertebrate abundance in Austria: developments over 30 years / Die Entwicklung von Wirbeltierpopulationen in Österreich in den letzten 30 Jahren

Autoren: Katharina Semmelmayer, Klaus Hackländer

Fakten und Erkenntnisse

  • 1993 wurde das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Biodiversitätskonvention / Convention on Biological Diversion CBD) abgeschlossen. Mit 196 Vertragsparteien ist die Biodiversitätskonvention heute eines der umfangreichsten internationalen Vertragswerke.
  • Die Konvention hat drei gleichrangige Ziele: Schutz der biologischen Vielfalt, nachhaltige Nutzung ihrer Bestandteile, Zugangsregelung und gerechter Ausgleich von Vorteilen, welche aus der Nutzung genetischer Ressourcen entstehen. Biologische Vielfalt oder Biodiversität umfasst dabei die Artenvielfalt innerhalb einzelner Arten sowie die Vielfalt der Ökosysteme.
  • Das CBD wurde auch von Österreich unterzeichnet.
  • Die Vertragsstaaten sind völkerrechtlich zur Umsetzung der Konvention verpflichtet, jedoch nicht gezwungen.
  • Viele Staaten haben bis heute keine nationale Biodiversitätsstrategie vorgelegt, obwohl die Konvention bereits am 29. Dezember 1993 in Kraft getreten ist. Ein Grundproblem sind auslegbare und relativ unverbindliche Zielformulierungen in weiten Teilen der Konvention.
  • Ein Hauptziel des Übereinkommens war es, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2010 erheblich zu verringern. Das Ziel der Europäischen Union war noch ehrgeiziger: den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2010 zu stoppen. Keines der beiden Ziele wurde erreicht, daher wurden die Fristen bis 2020 verlängert.
  • Am 22. Dezember 2010 riefen die Vereinten Nationen die Jahre 2011 bis 2020 zur „UN-Dekade der Biodiversität“aus.
  • Die Studie von Hackländer und Semmelmayer legt ihren Fokus auf die Entwicklung der Wirbeltierpopulationen in Österreich.
  • Seit 1990 gingen die Wirbeltierpopulationen in Österreich stark zurück und haben sich auf einem Niveau von 60 % im Vergleich zu damals eingependelt.
  • Der Rückgang in Österreich ist beinahe doppelt so hoch wie der globale Rückgang im selben Zeitraum.
  • In der Studie wird ein LPI (Living Planet Index, ein Index für biologische Vielfalt) für Österreich entwickelt. Dies ist ein neuer Ansatz für das Land, da der Erhaltungszustand der österreichischen Fauna bisher anhand roter Listen beschrieben wurde und wird.
  • Die Ergebnisse der Studie bieten die Grundlage für Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität in Österreich und zeigen vorhandene Datenlücken auf (es fehlen vor allem Daten zu den Reptilien).
  • Maßnahmen zur Vermeidung von weiterem Verlust an Biodiversität müssen auf Landesebene angesetzt werden.

Ausgangslage

Menschen haben zunehmende Auswirkungen auf Fauna und Flora und sind für die höchste biologische Aussterberate in der Geschichte der Erde verantwortlich. In diesem Zusammenhang gibt es das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Biodiversitätskonvention / Convention on Biological Diversity CBD) von 1993, das von 168 Ländern einschließlich Österreich unterzeichnet und seitdem von 196 Ländern und Gewerkschaften ratifiziert wurde. Es dient dem Schutz der biologischen Vielfalt. Die hochgesteckten Ziele der Biodiversitätskonvention sowie der EU zur Eindämmung des Biodiversitätsverlustes wurden allerdings bisher verfehlt.

Der globale Verlust der Biodiversität stellt eine große Herausforderung für uns Menschen dar. Maßnahmen zur Vermeidung von weiterem Verlust an Biodiversität müssen auf Landesebene angesetzt werden. Daher ist es wichtig, über den lokalen Zustand der Biodiversität informiert zu sein. Um Biodiversität zu messen werden verschiedene Indizes herangezogen. Für Wirbeltiere hat der World Wide Fund for Nature (WWF) den Living Planet Index (LPI) entwickelt. Er gibt die globale Entwicklung der Populationsgröße verschiedener Arten wieder und kann getrennt für Land, Süßwasser und Meer berechnet werden. In der vorliegenden Studie wurde daher ein LPI für Wirbeltiere in Österreich entwickelt. Dieser enthält je nach Artendiversität sowohl ungewichtete als auch gewichtete Werte. Ungewichtet bedeutet, daß alle Werte gleich behandelt werden. Gewichtet bedeutet, daß manche Werte mehr Einfluss als andere haben, sie haben mehr Gewicht. Ein gewichteter Durchschnitt ist also ein Durchschnitt, bei dem nicht alle Werte die gleiche Bedeutung haben.

Übersicht

Die Wirbeltierpopulationen gingen in Österreich stark zurück und haben sich, bezogen auf den Ausgangswert aus dem Jahr 1990, auf einem Niveau von 60 % eingependelt – der LPI Österreich ging von 1 in 1990 auf ~0,6 (ungewichtet) bzw. ~0.7 (gewichtet) im Jahr 2015 zurück. Damit ist der Rückgang beinahe doppelt so hoch wie der globale Rückgang im selben Zeitraum. LPI-Werte wurden separat für die Bereiche Land (~0.6), für Süßwasserlebensräume (~0.9), aber auch für Vögel (~0.7) und autochthone (heimische / indigene) Arten (~0.6) berechnet.

Um zu beurteilen, ob die Ziele der CBD erreicht werden oder nicht, wurden Indizes definiert, um die biologische Vielfalt zu messen und Veränderungen im Raum und im Zeitverlauf zu quantifizieren. Indizes sind auch ein Kommunikationsmittel zwischen Wissenschaftlern und Politikern. Der Living Planet Index (LPI) soll die Vielfalt der Wirbeltierarten auf globaler Ebene oder in kleineren Regionen zwischen verschiedenen Jahren in Bezug auf ein Basisjahr vergleichen.  Durch die Studie sollten genügend Daten generiert werden, um für Österreich und jedes seiner neun Bundesländereinen einen LPI zu entwickeln. Für die Berechnung des LPI wurden Populationszeitreihen herangezogen, die den Zustand von Populationen in der Vergangenheit beschreiben.  In Österreich gibt es zahlreiche Projekte und Überwachungsaktivitäten für einzelne Arten oder Artengruppen, aber diese Daten wurden bisher nie kombiniert, um einen Einblick in den Erhaltungszustand von Wirbeltierarten in Österreich zu erhalten. Insgesamt wurden für die Studie 2.145 Zeitreihen für österreichische Wirbeltierpopulationen gesammelt (meistens 2 oder 3 Jahre) und ausgewertet.

Abbildung 1: Der LPI für Gesamt-Österreich – ungewichtet (links) und gewichtet (rechts). Das Basisjahr ist 1990 (Wert =1). Aufgrund der Datenlage konnte der Index (durchgängige, dicke Linie) bis 2015 berechnet werden. Die schattierten Bereiche kennzeichnen die 95 %-Konfidenzintervalle (= KI, auch Vertrauensintervall, Vertrauensbereich oder Erwartungsbereich genannt; ist in der Statistik ein Intervall, das die Präzision der Lageschätzung eines Parameters, z. B. eines Mittelwerts, angeben soll)

Der LPI für Gesamt-Österreich gewichtet und ungewichtet (Abbildung 1)
Der ungewichtete Index weist 1991 einen Rückgang auf, gefolgt von einem leichten Anstieg im Jahr 1992 und einem Rückgang bis 1997. Seitdem schwankt er zwischen 0,4 und 0,7 und liegt in den letzten Jahren näher bei 0,7. Der gewichtete LPI ist in der ersten Hälfte der neunziger Jahre stärker gestiegen als der ungewichtete und zeigt in den folgenden Jahren bis 2015 stärkere Schwankungen mit Spitzenwerten von fast 0,8.

Abbildung 2: Der ungewichtete Living Planet Index für Vögel (links) und autochthone (heimische) Arten in Österreich (rechts), mit Basisjahr 1990. Die schattierten Bereiche kennzeichnen die 95 %-Konfidenzintervalle (= KI, auch Vertrauensintervall, Vertrauensbereich oder Erwartungsbereich genannt; ist in der Statistik ein Intervall, das die Präzision der Lageschätzung eines Parameters, z. B. eines Mittelwerts, angeben soll). Die blaue Kurve spiegelt die Anzahl der für die Berechnung des Index zur Verfügung stehenden Beobachtungen pro Berechnungsjahr wider.

Der LPI für Vögel (Abbildung 2, links)
Der LPI für Vögel basiert auf 547 Zeitreihen mit 205 Arten und zeigte Mitte der 1990er Jahre und zwischen 2000 und 2005 einen Rückgang unter 0,6. Seither und bis 2015 hat er aber auf ~ 0,7 zugenommen.
Vögel sind die einzige Wirbeltierklasse, die im österreichischen LPI gut vertreten ist, weil ausreichend stützende Daten verfügbar waren. In Österreich werden Veränderungen der Vogelpopulationen nämlich auch durch den Farmland Bird Index (Teufelbauer und Seaman, 2017) und den Woodland Bird Index (Teufelbauer et al., 2014) quantifiziert. Der Farmland Bird Index enthält 22 Vogelarten, die direkt in Verbindung stehen mit landwirtschaftlichen Flächen. Es konnte ein stärkerer Rückgang der Ackerlandvögel im Vergleich zum breiten Spektrum von 205 Vogelarten nachgewiesen werden, auf deren Basis der LPI berechnet wurde. Dies deutet darauf hin, dass Ackerlandvögel durch Lebensraumverlust und / oder menschliche Aktivitäten stärker beeinträchtigt werden als die österreichische Vogelfauna als Ganzes. 

Der LPI für autochthone (heimische) Arten (Abbildung 2, rechts)
812 Zeitreihen mit 241 Arten wurden verwendet, um den LPI für die in Österreich heimischen Arten zu berechnen. Es lässt sich ein deutlicher Rückgang seit dem Basisjahr 1990 bis Mitte der neunziger Jahre feststellen, gefolgt von einem leichten Anstieg. Ab 2006 fand sich das Niveau unter Schwankungen auf einen Wert von ~ 0,6 im Jahr 2015 ein. 

Abbildung 3: Der ungewichtete LPI für das terrestrische Biom / Land (links) und das Süßwasserbiom in Österreich (rechts), mit Basisjahr 1990. Die schattierten Bereiche kennzeichnen die 95 %- Konfidenzintervalle (= KI, auch Vertrauensintervall, Vertrauensbereich oder Erwartungsbereich genannt; ist in der Statistik ein Intervall, das die Präzision der Lageschätzung eines Parameters, z. B. eines Mittelwerts, angeben soll). Die blaue Kurve spiegelt die Anzahl der für die Berechnung des Index zur Verfügung stehenden Beobachtungen pro Berechnungsjahr wider.

Der LPI für das terrestrische Biom / Land (Abbildung 3, links)
Der LPI für das terrestrische Biom enthielt 837 Zeitreihen, die 243 Arten repräsentierten. Obwohl der LPI in den ersten Jahren der Berechnung bis auf ein Niveau von etwa 0,5 zurückging, hat er seit 2004–2005 langsam wieder zugenommen. 2015 lag er auf ein Niveau von etwa 0,6.

Der LPI für das Biom Süßwasser (Abbildung 3, rechts)
Für die Berechnung des Süßwasser-LPI standen nur 60 Zeitreihen (die 40 Arten repräsentierten) zur Verfügung. Aufgrund der geringen Datenmenge konnten keine zuverlässigen Ergebnisse erzielt werden. Der Süßwasser-LPI besteht hauptsächlich aus Daten von Fischen und spiegelt Trends in dieser Wirbeltierklasse wider, wie z. B. einen Höchststand im Jahr 2006 und einen niedrigen Stand im Jahr 2011. Aber auch in diesem Bereich fehlen ausreichend Daten und die Idee eines separaten Index für Fische musste deshalb aufgegeben werden. Dies zeigt, dass ein Mangel an Daten für Fische und für das Süßwasserbiom im Allgemeinen in Österreich existiert.

Fazit

Die Stabilisierung des ungewichteten österreichischen LPI bei ~ 0,6 in den letzten Jahren könnte als Erfüllung des CBD-Ziels interpretiert werden, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2010 signifikant zu reduzieren. Sie könnte sogar darauf hindeuten, dass das ehrgeizige Ziel der Europäischen Union, den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen, in Österreich erreicht wurde. Dies gälte jedoch nur, wenn zwei Annahmen erfüllt sind: Erstens müsste die Vielfalt der Wirbeltierpopulationen repräsentativ sein für eine breitere Artenvielfalt, die bisher aber noch nicht bewertet wurde. Es ist daher wichtig zu erwähnen, dass in der Studie nur die Veränderungen der Wirbeltierpopulationen analysiert werden konnten. Zweitens müssten die Ergebnisse zuverlässig sein. Dies musste aufgrund der begrenzten Datenmenge in Frage gestellt werden. 

Es lässt sich feststellen, dass die Abnahme der Wirbeltierpopulationen schwerwiegend ist.
Der weltweite Rückgang betrug von 1970 bis 2014 60%. Dieser Rückgang dürfte sich fortsetzen, während sich Österreichs LPI zwischen 1990 und 2015 mit einem Rückgang von ~ 40% stabilisieren konnte. Vergleicht man jedoch den Rückgang zwischen 1990 und 2014 einerseits weltweit und andererseits in Österreich, so ergibt sich global ein Rückgang von mehr als 20%, während der Rückgang in Österreich im gleichen Zeitraum fast 40% betrug und somit fast doppelt so hoch war wie der globale Rückgang. Vor 1990 liegen keine Daten über einen Rückgang in Österreich vor. Es muss deshalb in Betracht gezogen werden, dass er ähnlich oder sogar schwerwiegender gewesen sein könnte als der Rückgang auf globaler Ebene.

Quellen:
Die Bodenkultur: Journal of Land Management, Food and EnvironmentVolume 71, Issue 1, 19–30, 2020. 10.2478/boku-2020-0003 ISSN: 0006-5471 online, https://content.sciendo.com/view/journals/boku/boku-overview.xml
(PDF) Monitoring vertebrate abundance in Austria: developments over 30 years. Available from: https://www.researchgate.net/publication/342856253_Monitoring_vertebrate_abundance_in_Austria_developments_over_30_years[accessed Aug 25 2020].

https://www.researchgate.net/publication/342856253_Monitoring_vertebrate_abundance_in_Austria_developments_over_30_years

Links:
WWF Living Planet Report
Convention on Biological Diversity

Ansprechpartner:
Univ.Prof. Dipl.-Biol. Dr.rer.nat. Klaus Hackländer 
Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft
Gregor-Mendel-STraße 33
A – 1180 Wien
Tel. +43 1 47654-83001, -83211
email:klaus.hacklaender@boku.ac.at

Beitragsfoto: Erik Karits, Pixabay


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