Interview

„Es muss mehr auf Augenhöhe miteinander geredet werden.“ – Robin Sandfort, Wildbiologe

Lesezeit: 4 Minuten

Interview mit Robin Sandfort, Wildbiologe und Naturfotograf

Robin Sandfort MSc. ist Wildbiologe und passionierter Naturfotograf. Er realisiert wissenschaftliche Studien und erstellt Gutachten im Bereich Wildtierökologie und Wildtiermanagement. Sein Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von innovativen und praxistauglichen Lösungen für eine nachhaltige Jagd. Er ist Experte für Drohnenkartierungen und den Einsatz von Kamerafallen und Telemetriesysteme. Robin lebt mit seiner Frau, zwei Töchtern und einem Hund in den Donau-Auen bei Wien.

Was macht für Dich einen guten Wissenschaftler aus?
Zuallererst ist er neugierig, geht neue Wege, arbeitet dabei nachvollziehbar und kommuniziert seine Ergebnisse.

Warum ist der Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Jagd wichtig?
Die Jagd braucht harte Fakten, um die Auswirkungen Ihres Handelns zu dokumentieren und der Öffentlichkeit verständlich kommunizieren zu können. Nicht überprüfbare Aussagen wie „das ökologische Gleichwicht herstellen“ reichen heute nicht mehr aus, um einen Gesetzgeber zu überzeugen. Die Wissenschaft kann dabei helfen, Methoden zu entwickeln und zu überprüfen, die dann belastbare Daten für ein nachhaltige Jagd liefern können. Die Wissenschaft ist auf der anderen Seite auf das jagdliche Wissen in den Revieren angewiesen. Jahrelange Beobachtung kann kein kurzfristiges Projekt ersetzen.  

Was können Jäger konkret tun, um wissenschaftliche Projekte zu unterstützen? Wie kann eine Kooperation aussehen?
Es gibt bereits jetzt zahlreiche Projekte, die auf die Mitarbeit der Jäger angewiesen sind. Von der Rebhuhnzählung, dem Sammeln von Probenmaterial bis hin zur Markierung von Rehkitzen laufen aktuell hunderte Projekte. Aufrufe zur Mitarbeit werden meistens noch traditionell in den Jagdmedien publiziert. Die Zukunft liegt hier aber eher in Onlineplattformen, die verschiedenste Projekte bündeln und Wissenschaftler und Jäger zusammenbringen. Hier kommt auch dein Blog genau zur richtigen Zeit. Ich hoffe er wird Berührungsängste zwischen Jägern und Wissenschaftlern abbauen, gemeinsame Ziele aufzeigen und vielleicht einige Reviere für Forschungsprojekte öffnen. 

Wie funktioniert aktuell die Zusammenarbeit zwischen Jagd und Wissenschaft? Wo siehst Du Schwachstellen und Verbesserungspotenzial? 
Grundsätzlich läuft die Zusammenarbeit gut. In vielen Bereichen besteht ein reger Austausch. Es gibt allerdings auch emotionale Wiederstände aus der Jägerschaft. Wenn Fakten auf den Tisch kommen muss auch darüber diskutiert werden. Gerade der Blick in manche jagdliche Facebookgruppe offenbart wieviel Misstrauen den angeblich gekauften „Balkonbiologen“ entgegengeworfen wird. Auf der anderen Seite blicken dann auch so manche Wissenschaftler abschätzig auf die angeblich „unwissenden Jaga“. Zahlen aus der Jägerschaft werden dann gleich mal angezweifelt. Hier muss mehr auf Augenhöhe miteinander geredet werden.

Welche persönlichen Erfahrungen hast Du bei der Zusammenarbeit mit Jägerinnen und Jägern gemacht?
Ich bin selbst Jäger und daher sicher befangen. Wissenschaftler und Jäger verbindet ja die Neugier und der Wunsch zu verstehen warum sich das Wild so verhält wie es sich verhält. Für mich ist wichtig meine Ergebnisse direkt wieder an meine Projektpartner zu kommunizieren. Ein Projekt darf nie zur Einbahnstraße werden, bei der die Jäger nie wieder Rückmeldung darüber bekommen was aus Ihren Daten geworden ist.

“Wir müssen offen sein für neue Entwicklungen und dürfen dabei gleichzeitig nicht unser Wertegerüst vergessen.“

Die Jagd steht unter dem Einfluss eines umfassenden Klima- und Strukturwandels. Welches sind die zentralen Herausforderungen und wie können sich Jägerinnen und Jäger darauf vorbereiten? 
Wir stehen tatsächlich vor großen Herausforderungen. Für die Jäger gilt dabei dasselbe wie für den Rest der Bevölkerung. Wir müssen uns lebenslang Weiterbilden, um Antworten auf die kommenden Herausforderungen zu finden. Wir müssen uns zusammenschließen, um die Probleme gemeinsam anzugehen und vom Wissen der anderen profitieren zu können. Wir müssen offen sein für neue Entwicklungen und dürfen dabei gleichzeitig nicht unser Wertegerüst vergessen.

Innovative Technologien Thermografie und Telemetrie: Thermo X Tele

Ist die fortschreitende Technologisierung der Jagd Fluch oder Segen? Welche technischen Hilfsmittel sind für die Jagd sinnvoll?
Berufliche erforsche ich das Wild und seine Lebensräume hochtechnisiert, jagen tue ich dann aber wieder mit den alten Waffen und Optiken meiner Familie. Oldschool, ohne moderne Technik und auf kurze Distanzen. Mein jagdliches Hightech beschränkt sich dabei auf die Funktionskleidung.  Moderne Technologien können uns dabei helfen ein System zu verstehen oder einen Brand zu löschen, um dann wieder auch ohne Hightech jagen zu können. Technik darf unser Handwerk nicht ersetzen, aber es darf es ruhig verbessern.

„Wir brauchen Verständnis für wissenschaftliche Forschung.“

Wieviel wissenschaftliches Wissen braucht die Jägerschaft?
Meiner Meinung nach braucht es eher ein Verständnis für wissenschaftliche Forschung und Datenaufnahme. Für mich gehört eine Einheit „wildbiologische Erhebungsmethoden“ bereits in die Jagdausbildung. Ich muss erst verstehen was hinter den Daten steckt bevor ich den Ergebnissen daraus vertrauen kann. 

Wie müssen wissenschaftliche Inhalte gestaltet sein, um verständlich und greifbar zu sein, um auch Nicht-Akademiker zu erreichen?
Meiner Meinung nach müssen sie vor Allem visuell gut aufbereitet sein. Bilder, Videos, interaktive Grafiken machen trockene Daten erlebbar und begreifbar. Bilder, Videos und Tonaufnahmen sind als „harte“ Fakten schwer wegzudiskutieren. „Unsichtbares sichtbar machen.“ ist nicht ohne Grund mein Leitsatz. 

Wie und wo kann ich mich als Jäger über praxisrelevante Ergebnisse aus der Wissenschaft informieren? Welches sind die besten Quellen, Adressen und Online-Plattformen?
Aktuell ist sicher die Jagdpresse mit Ihren Print- und Onlinekanälen für die meisten Jäger das wichtiges Informationsmedium zum Thema wildbiologische Forschung. Auch die Jagdverbände und wildbiologischen Forschungseinrichtungen kommunizieren wissenschaftliche Themen immer besser. Ich persönlich finde das Medium Podcast besonders gut, um schwierigen Themen auch genug Tiefe und Zeit zu geben. Im internationalen Bereich zeigt Steven Rinella mit „The MeatEater Podcast“ wie mitreißend wissenschaftliche Themen für Jäger aufbereitet werden können. Im deutschsprachigen Raum ist der “JAGDcast“ sehr empfehlenswert. Ich persönlich nutze auch Twitter als schnellste wildbiologische Nachrichtenplattform im internationalen Bereich. Wer mehr Zeit investieren will, kann auch über Fachtagungen wie die Österreichische Jägertagung und das Wildtierforum in Baden-Württemberg Informationen bekommen. Mit noch mehr Zeit und Motivation bietet der Universitätslehrgang Akademische Jagdwirt/in einen tieferen Einblick in das große Themenfeld Wildbiologie und Jagd. 

Mit welchen Methoden arbeitest Du und was sind Deine Erfahrungen damit?
Die Wildbiologie bietet heute einen großen Werkzeugkoffer voller Methoden. Von der Telemetrie über den Einsatz von Drohnen bis hin zur Genetik ist fast alles möglich. Die Herausforderung ist es, die passende Methode für die jeweilige Fragstellung zu finden. Erfolgversprechend sind dabei oft eher die einfacheren Methoden bei denen die Jäger vor Ort voll mitarbeiten können. Ich arbeite zurzeit mit einer neuen Generation von passiven Audiorekordern. Diese kleinen, batteriebetrieben Geräte zeichnen die Geräusche der Natur auf und machen sie so für uns messbar. Die Audiodateien werden mithilfe von künstlicher Intelligenz analysiert und ermöglichen uns so den Nachweis seltener Tierarten wie Rebhuhn, Waldschnepfe und Auerhahn. Ein zweites Beispiel sind unsere Wildkameras. Wir Jäger nutzen diese Helfer heute flächendeckend und produzieren dabei Millionen Bilder. Meist bleibt davon nur der starke Bock oder der Nachbarjäger hängen. Die meisten Bilder versinken für immer in Ablageordnern oder werden gleich gelöscht. Eine riesige Datenquelle geht uns so verloren. Wir Jäger hätten hier das Potential über unsere anonymisierten Kamerafallendaten und eine automatisierte Auswertung „Citizen Science“ für viele Fragestellungen zu generieren.

An welchen Projekten arbeitest Du aktuell?
Mit der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg (LAZBW) entwickle ich gerade ein passive Audiomonitoring von Rebhühnern in Baden-Württemberg. Wir versuchen mithilfe der passiven Audiorekorder die letzten Bestände dieser Feldhühner zu kartieren und hoffentlich Maßnahmen für Ihre Rettung abzuleiten. Über die Plattform www.kitzretter.at versuche ich gerade in Österreich Landwirte, Jäger, Drohnenpiloten und Freiwillige zu vernetzen. Viele weitere Projekte sind in Planung.

Im Netz trittst Du als capreolus.at auf. Warum ist ausgerechnet das Reh zu Deinem Namensgeber geworden?
Im Rahmen meiner Forschung durfte ich mich intensiv mit den heimlichen Rehen der steirischen Bergwälder beschäftigen. Ich konnte besenderte Rehpersönlichkeiten und Ihre Jäger über viele Jahre begleiten und viel von Ihnen Lernen. Das Rehwild kommt von der Meeresküste bis ins Hochgebirge in jedem Revier vor und wird doch so sehr unterschätzt. Die Individualität und Flexibilität des Rehwilds begeistern mich immer wieder und genau das möchte ich auch weiterhin als capreolus – Neugierig sein und Staunen können.  

Robin, vielen Dank für das Gespräch!

Hier findet ihr Robin im Netz:
Webseite: www.capreolus.at 
Instagram: @sandfortnature, @capreolus.at 
Facebook: /robin.sandfort 
Twitter: @RobinSandfort

Hier geht es zu Robins Projekten, Vorträgen und Publikationen am Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft (IWJ) der Universität für Bodenkultur, Wien:
Projekte BOKU
Rehwilprojekt Loeben
Projekt Thermoxtele

Alle Fotos ©Robin Sandfort

1 Kommentar zu “„Es muss mehr auf Augenhöhe miteinander geredet werden.“ – Robin Sandfort, Wildbiologe

  1. Leider sind die Ausbildungsstände der Jäger untereinander oft weit auseinander. Je nach dem wie schnell die Jagdausbildung durchlaufen wurde.

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